Alles das, dachte K. in die Märzsonne hinein:
eine einzige Landschaft der Liebe.
Donnerstag, 15. März 2012
Von zwei Ichs und einem Wir
Stunden später setzte sich K. eine Weile in die Sonne. Es war ein Leichtes, die nachtschweren Gedanken - zwar nicht aufzulösen, aber doch kleiner werden zu lassen angesichts dieses Frühlings, der da zu kommen gedachte. Aber doch, wie konnten sie beide es schon wieder schaffen, innerhalb kürzester Zeit auf den Pfad einer Trennung zu gelangen statt diese Sonne gemeinsam zu genießen, wo es nur ginge. Vielleicht lag es ja daran, dachte K., dass sie ohnehin nicht gemeinsam in der Sonne gesessen wären, weil dies so selten vorkam. Sie lebten verschiedene Leben. Ihre Anknüpfungspunkte waren großartig, überwältigend, so oft, wenn sie sich trafen. Und es gab auch einen roten Faden und es gab Regelmäßigkeiten. Sie hatten nicht weit zueinander zu fahren, und sie konnten am Telefon miteinander sprechen - und was es nicht alles noch gab an Medien, die einem Nähe ermöglichen, die dennoch nicht dieselbe ist wie die, die ist, wenn man beieinander ist. Irgendetwas von Sein und Schein hatte das auch, die Sache mit den Medien, dachte K. Doch sie waren eingebunden in ihre vollen Leben. Und es gab Abhängigkeiten verschiedenster Art, die es ihnen nicht leicht machten, oft und lange beisammen zu sein. Das konnte durchaus seinen Reiz haben, das wusste auch K. Nein, er wusste gut, dass ein Zuviel an Umeinander und eine allzu dichte Gemeinsamkeit, eine Einheit gar, ganz andere Tücken hatte, diee er so schnell nicht noch einmal ausprobieren wollte oder wenn, dann anders; das Scheitern eines Einheitsversuchs unter einem Dach steckte ihm in den Knochen und er war selbst daran interessiert, neue Lebensformen zu entdecken, da sich doch diejenigen des allzu engen Traditionellen als Irrweg gezeigt hatten.
Aber K. wusste auch - oder vielmehr erlebte er es -, dass Gemeinsamkeiten wichtig waren. Klar, das Allerwichtigste war etwas, was er sich als Kompatibilität zu bezeichnen angewöhnt hatte. War die nicht gegeben, konnte kaum etwas wachsen, weil zwei nicht zueinander standen. K. stutzte. Er war nicht mehr ganz sicher momentan, ob sie denn überhaupt noch zueinander stehen konnten, im so oft wiederholten Wirrwarr dieses schwierigen Unterfangens, eine Liebe zu leben. Aber er sah sich nicht in der Lage, seinen Glauben aufzugeben, denn er verspürte aus irgendwelchen Gründen, die er allenfalls erahnen konnte, die reichlich an sie bindende Idee, dass sie die Liebe seines Lebens sei, und er womöglich die ihre. Auch wenn sie ihm nicht selten vermittelte, dass sie mit etwas weniger Liebe ihres Lebens vielleicht viel lieber leben würde. K. konnte nichts dagegen tun, dies für eine Art Fehler im System zu halten, den es zu bewältigen galt. - Gemeinsamkeit jedenfalls war nicht zu unterschätzen. Und nicht zu überschätzen. Nicht zu viel und nicht zu wenig davon. Die zwei Leben, das war durchaus lebbar, fand er, doch es war wichtig, gemeinsame Schätze zu teilen. Die Liebe, ja, die Erotik, ja, den Sex, ja. Alles das war fraglos die allerwichtigste Basis der Welt, die zwei, die sich mögen, sich wünschen konnten. Das Annehmen natürlich ebenso, doch da stand man dann schon mit einem Bein im Alltag, und hier wurde es dann schwieriger, zwei Leben zu führen und sich dennoch gemeinsam zu fühlen und miteinander zu wachsen.
K. hatte so oft den Eindruck, als würde sie alles, was über die Liebe hinausgeht - oder gar nur über den Sex? - mit anderen teilen. Er suchte nach Möglichkeiten, wie sie etwas gemeinsam aufbauen könnten, etwas säen, etwas gedeihen lassen. Wie einen Baum vielleicht. Eine Wiese. Eine Reise. Oder ein gemeinsames Projekt. Beidseitige Ratschläge, die zueinander finden konnten und wuchsen. Und er sah, nicht ohne ein gewisses Maß an Verzweiflung, wie doch alle seine kleinen Versuche und Vorschläge, die er ihr dahingehend unterbreitet hatte, einer nach dem anderen nicht fruchteten. Stattdessen sah er, wie er stets aufs Neue in einer zweiten, eine dritten Reihe saß, wenn etwas Neues, etwas Großes, etwas Bedeutendes in ihrem Leben geschah. Während irgendwelche andere einen Platz einnahmen, den er an ihrer Seite haben wollte. K. fehlte die Gemeinsamkeit, um aus einem Nebeneinander zweier Ichs ein wesentlicheres Wir werden zu lassen. Und er tat sich schwer damit, das wunderbar Große, das er doch zwischen ihnen zu empfinden glaubte, auf ein von ihr gewünschtes Maß an punktuellen Begegnungen zu beschränken.
Die Wunde, die er darob spürte, drängte ihn manchmal dazu, endlich aufzugeben. Hatte er sich getäuscht mit seinen Vorstellungen, wie unzerrüttbar diese Liebe war, die sich in diesem Leben doch immerhin schon ein zweites Mal entdeckt hatte und scheinbar immer wieder finden wollte? Oder was genau wollte sie ihn lehren, diese Liebe? War er offen dafür, in der Lage, dieses Wissen, das diese ihm vielleicht vermitteln wollte, anzunehmen? Und würde sie etwas von ihm lernen durch all das, was geschah. Oder würde sie mit jedem Wunsch, den er hegte, nur noch weiter von ihm rücken, weil sie den Götzen der Eigenständigkeit womöglich allzu sehr verehrte in dieser Zeit ihres Lebens. Vielleicht weil sie zu lange Kompromisse gemacht hatte, die ihn gar nicht betrafen, abhängig war, wo er frei war, obgleich sie sich doch zuallererst frei fühlen wollte und erst auf dieser Grundlage sich vielleicht in eine Liebe zu vergeben wagte. War ihr Weg die Loslösung, sein Weg die Verbundenheit? Wohin sollte das führen? Und ob man sich dennoch Oasen der Gemeinsamkeit schaffen konnte, die beider Tröge füllen würden ... K. war ein Kämpfer, der manchmal verzweifelte, doch immer wieder aufstand, und er wollte, dass sie jetzt um ihn kämpfen würde. Ein Kampf um das, was sie miteinander leben könnten. Um ihrer beider Liebe. Und damit auch: um ihre Liebe. Alles das dachte K. Während die Vorfrühlingsvögel kraftvoll in der warmen Sonne sangen.
Aber K. wusste auch - oder vielmehr erlebte er es -, dass Gemeinsamkeiten wichtig waren. Klar, das Allerwichtigste war etwas, was er sich als Kompatibilität zu bezeichnen angewöhnt hatte. War die nicht gegeben, konnte kaum etwas wachsen, weil zwei nicht zueinander standen. K. stutzte. Er war nicht mehr ganz sicher momentan, ob sie denn überhaupt noch zueinander stehen konnten, im so oft wiederholten Wirrwarr dieses schwierigen Unterfangens, eine Liebe zu leben. Aber er sah sich nicht in der Lage, seinen Glauben aufzugeben, denn er verspürte aus irgendwelchen Gründen, die er allenfalls erahnen konnte, die reichlich an sie bindende Idee, dass sie die Liebe seines Lebens sei, und er womöglich die ihre. Auch wenn sie ihm nicht selten vermittelte, dass sie mit etwas weniger Liebe ihres Lebens vielleicht viel lieber leben würde. K. konnte nichts dagegen tun, dies für eine Art Fehler im System zu halten, den es zu bewältigen galt. - Gemeinsamkeit jedenfalls war nicht zu unterschätzen. Und nicht zu überschätzen. Nicht zu viel und nicht zu wenig davon. Die zwei Leben, das war durchaus lebbar, fand er, doch es war wichtig, gemeinsame Schätze zu teilen. Die Liebe, ja, die Erotik, ja, den Sex, ja. Alles das war fraglos die allerwichtigste Basis der Welt, die zwei, die sich mögen, sich wünschen konnten. Das Annehmen natürlich ebenso, doch da stand man dann schon mit einem Bein im Alltag, und hier wurde es dann schwieriger, zwei Leben zu führen und sich dennoch gemeinsam zu fühlen und miteinander zu wachsen.
K. hatte so oft den Eindruck, als würde sie alles, was über die Liebe hinausgeht - oder gar nur über den Sex? - mit anderen teilen. Er suchte nach Möglichkeiten, wie sie etwas gemeinsam aufbauen könnten, etwas säen, etwas gedeihen lassen. Wie einen Baum vielleicht. Eine Wiese. Eine Reise. Oder ein gemeinsames Projekt. Beidseitige Ratschläge, die zueinander finden konnten und wuchsen. Und er sah, nicht ohne ein gewisses Maß an Verzweiflung, wie doch alle seine kleinen Versuche und Vorschläge, die er ihr dahingehend unterbreitet hatte, einer nach dem anderen nicht fruchteten. Stattdessen sah er, wie er stets aufs Neue in einer zweiten, eine dritten Reihe saß, wenn etwas Neues, etwas Großes, etwas Bedeutendes in ihrem Leben geschah. Während irgendwelche andere einen Platz einnahmen, den er an ihrer Seite haben wollte. K. fehlte die Gemeinsamkeit, um aus einem Nebeneinander zweier Ichs ein wesentlicheres Wir werden zu lassen. Und er tat sich schwer damit, das wunderbar Große, das er doch zwischen ihnen zu empfinden glaubte, auf ein von ihr gewünschtes Maß an punktuellen Begegnungen zu beschränken.
Die Wunde, die er darob spürte, drängte ihn manchmal dazu, endlich aufzugeben. Hatte er sich getäuscht mit seinen Vorstellungen, wie unzerrüttbar diese Liebe war, die sich in diesem Leben doch immerhin schon ein zweites Mal entdeckt hatte und scheinbar immer wieder finden wollte? Oder was genau wollte sie ihn lehren, diese Liebe? War er offen dafür, in der Lage, dieses Wissen, das diese ihm vielleicht vermitteln wollte, anzunehmen? Und würde sie etwas von ihm lernen durch all das, was geschah. Oder würde sie mit jedem Wunsch, den er hegte, nur noch weiter von ihm rücken, weil sie den Götzen der Eigenständigkeit womöglich allzu sehr verehrte in dieser Zeit ihres Lebens. Vielleicht weil sie zu lange Kompromisse gemacht hatte, die ihn gar nicht betrafen, abhängig war, wo er frei war, obgleich sie sich doch zuallererst frei fühlen wollte und erst auf dieser Grundlage sich vielleicht in eine Liebe zu vergeben wagte. War ihr Weg die Loslösung, sein Weg die Verbundenheit? Wohin sollte das führen? Und ob man sich dennoch Oasen der Gemeinsamkeit schaffen konnte, die beider Tröge füllen würden ... K. war ein Kämpfer, der manchmal verzweifelte, doch immer wieder aufstand, und er wollte, dass sie jetzt um ihn kämpfen würde. Ein Kampf um das, was sie miteinander leben könnten. Um ihrer beider Liebe. Und damit auch: um ihre Liebe. Alles das dachte K. Während die Vorfrühlingsvögel kraftvoll in der warmen Sonne sangen.
Autor / Copyright:
mkh
Vom Reden und Schweigen
Das Staccato ihres "Brain Stormings" hallte über den Berghang. K. hörte es sich an. Es war ganz offensichtlich nicht ihr Anliegen, die Salven zu besprechen, sondern das Trommelfeuer loszuwerden. K. kannte das von sich selbst, manchmal brach alles laut aus einem heraus. Er konnte das nachvollziehen und dem auch etwas Gutes abgewinnen. Er mochte ja auch ihr Temperament. Und manchmal ist jedes Wort besser als Schweigen, egal in welchem Gewand es kommt. Ihm wäre zwar mehr nach einem Gespräch zu Mute gewesen, um das, was sich da offenbar angesammelt hatte, im Einzelnen miteinander zu klären, doch dafür blieb ebenso wenig Ruhe wie bei einem Flächenbombardement. Die Masse all dieser Unverständnisse überrollte ihn schließlich wie eine Schlammlawine. Vor allem aber waren es diese immer wiederkehrenden harten Brocken, die ihn schmerzten. So oft hatte K. bei ihr den Eindruck, sie wolle ihn lieber dazu überreden, weg von ihr zu gehen und sich mit anderen einzulassen, statt ihm zu sagen, dass sie ihn wolle. Und nicht selten war das, auf welche Weise und mit welchen Worten sie es sagte, schmerzhaft für ihn. Was sie wohl für Gelassenheit hielt, erschien ihm oft wie Gleichgültigkeit Er wusste manchmal nicht mehr, ob sein Glaube, dass sie es im Grunde ihres Herzens anders meine, eine sichere Intuition oder doch nur Selbstbetrug war.
Das mit der Intuition ist so eine Sache. K. glaubte fest daran, dass man der Wahrheit näher kommen könne, wenn man seiner inneren Stimme vertraute. Die Unsicherheit dieser Wahrnehmungsmethode zeigte sich, wenn einem die innere Stimme etwas Gegensätzliches mitteilen wollte als die äußeren Stimmen, die man so viel lauter vernehmen konnte. Dann wusste K. manchmal nicht mehr, an welche dieser beiden Stimmen er nun fester glauben sollte. Er war sich ferner nicht ganz sicher darüber, ob es nun seine Intuition war, die ihm in manchen Situationen sicher mitteilte, wenn eine vordergründige Nähe eine heimliche Trennwand aufwies, oder ob ihm vielleicht doch irgendeine Projektion einen Schabernack spielte. Doch die Kraft der inneren Stimme wollte K. dennoch nicht unterschätzen. Auch wenn es eine weitere ungeklärte Frage war, an welcher Stelle in den Zwischenräumen zweier Menschen eine solche unsichtbare Trennwand zu verorten gewesen wäre: bei ihr oder bei ihm. Jedenfalls irgendwo zwischen ihnen, dachte K., und besonders dann, wenn ihm selbst sehr ernsthaft an jemandem gelegen war - so wie ihm an ihr ganz besonders sehr ernsthaft gelegen war -, wollte er seine Wahrnehmung nicht einfach ignorieren. Und er war sich nicht einmal sicher, wann Schweigen und wann Sprechen der bessere Weg wäre, aber diese Frage stellte sich in gewissen Situationen nicht; seine Wahrnehmung verschaffte sich Gehör. Als er sprach, schwieg sie, als ihr Staccato erklang, schwieg er, und als die harten Brocken durch die Gegend flogen und das Sprechen kein Gespräch mehr möglich machte, drehten seine Reifen durch. Später schwieg er wieder.
Er mache es sich schwerer, als es sei, sagte sie ihm. Dann hilf mir dabei, dass ich es nicht tue, antwortete K. So oder ähnlich. Manchmal glaubte er ihre Verschlossenheit zu spüren wie einen Felsen. Wenn sie ihm Dinge, die Bedeutung zwischen zwei Liebenden haben sollten, nicht mitteilte, konnte er ja nicht wissen, was sie ihm nicht mitteilte, aber er mochte keineswegs ausschließen, dass er ihre Verschwiegenheit intuitiv erahnte und dadurch diese Trennwand erwuchs. Auch das Unausgesprochene ist wie ein Wort, das sich zwischen zwei Menschen stellen kann wie eine Frage, die Antworten will. Vielleicht auch nur zwischen zwei Menschen, die eine besondere Verbindung haben. K. sah dennoch ein, dass er es sich manchmal schwer machte. Er war überrascht von der Schwere seiner gegenwärtigen Gedanken, vielleicht sah er ja Gespenster, aber es ging ihm jetzt einmal darum, die kleinen Dinge zu vergrößern, um sie sich anzusehen; später würde er sie immer noch wieder fallen lassen können, vielleicht als bedeutungslos.
Und wie verhielt es sich überhaupt mit der Schwere: K. glaubte zu wissen, dass in der Leichtigkeit der Lebenslust zuweilen auch eine Last untergehen konnte, die es wert wäre, sie sich aufzubürden, weil auch diese Last eine Frage war, die Antworten wollte. Fragen haben viel Geduld, aber sie kommen wieder. Man muss sich im Leben entscheiden, welche Fragen und welche Antworten einem wichtig sind; das Konzept dazu macht sich jeder selbst, setzt Prioritäten von Zeit zu Zeit. K. war in einer Lebensphase, in der er glaubte, dass es wesentlich sei, aus ganzem Herzen lieben zu lernen. Ihm schien es so, als wären da eine Menge Götzen, die einen auf andere Pfade bringen wollten und einen dahin brachten, dass man vor sich selbst gegen die Liebe aus vollem Herzen argumentierte: Selbst die wunderbar leichte Lust konnte dazu gehören, wenn sie nicht aus tiefer Seele gelebt wurde. Und dies dachte er, obwohl er wusste, dass die innigste Nähe, die er mit ihr überhaupt haben konnte, der Sex war, den sie miteinander so spielerisch und so vertraut erleben konnten. Es schien ihm dennoch so, dass ihnen die Tiefe im Spiel der Lust nicht verloren gehen dürfe, weil sie Sprache war, Zeichen, Wort, Liebe. Ein anderer Götze, der ja so viele Menschen gerne um die Nase herumführen wollte, war der merkwürdige Glaube, man dürfe nichts von sich aufgeben zugunsten einer Liebe, sich nicht in ihr verlieren. Als könnte man sich verlieren in der Liebe statt sich in ihr zu finden. K. lächelte. Immerhin.
Das mit der Intuition ist so eine Sache. K. glaubte fest daran, dass man der Wahrheit näher kommen könne, wenn man seiner inneren Stimme vertraute. Die Unsicherheit dieser Wahrnehmungsmethode zeigte sich, wenn einem die innere Stimme etwas Gegensätzliches mitteilen wollte als die äußeren Stimmen, die man so viel lauter vernehmen konnte. Dann wusste K. manchmal nicht mehr, an welche dieser beiden Stimmen er nun fester glauben sollte. Er war sich ferner nicht ganz sicher darüber, ob es nun seine Intuition war, die ihm in manchen Situationen sicher mitteilte, wenn eine vordergründige Nähe eine heimliche Trennwand aufwies, oder ob ihm vielleicht doch irgendeine Projektion einen Schabernack spielte. Doch die Kraft der inneren Stimme wollte K. dennoch nicht unterschätzen. Auch wenn es eine weitere ungeklärte Frage war, an welcher Stelle in den Zwischenräumen zweier Menschen eine solche unsichtbare Trennwand zu verorten gewesen wäre: bei ihr oder bei ihm. Jedenfalls irgendwo zwischen ihnen, dachte K., und besonders dann, wenn ihm selbst sehr ernsthaft an jemandem gelegen war - so wie ihm an ihr ganz besonders sehr ernsthaft gelegen war -, wollte er seine Wahrnehmung nicht einfach ignorieren. Und er war sich nicht einmal sicher, wann Schweigen und wann Sprechen der bessere Weg wäre, aber diese Frage stellte sich in gewissen Situationen nicht; seine Wahrnehmung verschaffte sich Gehör. Als er sprach, schwieg sie, als ihr Staccato erklang, schwieg er, und als die harten Brocken durch die Gegend flogen und das Sprechen kein Gespräch mehr möglich machte, drehten seine Reifen durch. Später schwieg er wieder.
Er mache es sich schwerer, als es sei, sagte sie ihm. Dann hilf mir dabei, dass ich es nicht tue, antwortete K. So oder ähnlich. Manchmal glaubte er ihre Verschlossenheit zu spüren wie einen Felsen. Wenn sie ihm Dinge, die Bedeutung zwischen zwei Liebenden haben sollten, nicht mitteilte, konnte er ja nicht wissen, was sie ihm nicht mitteilte, aber er mochte keineswegs ausschließen, dass er ihre Verschwiegenheit intuitiv erahnte und dadurch diese Trennwand erwuchs. Auch das Unausgesprochene ist wie ein Wort, das sich zwischen zwei Menschen stellen kann wie eine Frage, die Antworten will. Vielleicht auch nur zwischen zwei Menschen, die eine besondere Verbindung haben. K. sah dennoch ein, dass er es sich manchmal schwer machte. Er war überrascht von der Schwere seiner gegenwärtigen Gedanken, vielleicht sah er ja Gespenster, aber es ging ihm jetzt einmal darum, die kleinen Dinge zu vergrößern, um sie sich anzusehen; später würde er sie immer noch wieder fallen lassen können, vielleicht als bedeutungslos.
Und wie verhielt es sich überhaupt mit der Schwere: K. glaubte zu wissen, dass in der Leichtigkeit der Lebenslust zuweilen auch eine Last untergehen konnte, die es wert wäre, sie sich aufzubürden, weil auch diese Last eine Frage war, die Antworten wollte. Fragen haben viel Geduld, aber sie kommen wieder. Man muss sich im Leben entscheiden, welche Fragen und welche Antworten einem wichtig sind; das Konzept dazu macht sich jeder selbst, setzt Prioritäten von Zeit zu Zeit. K. war in einer Lebensphase, in der er glaubte, dass es wesentlich sei, aus ganzem Herzen lieben zu lernen. Ihm schien es so, als wären da eine Menge Götzen, die einen auf andere Pfade bringen wollten und einen dahin brachten, dass man vor sich selbst gegen die Liebe aus vollem Herzen argumentierte: Selbst die wunderbar leichte Lust konnte dazu gehören, wenn sie nicht aus tiefer Seele gelebt wurde. Und dies dachte er, obwohl er wusste, dass die innigste Nähe, die er mit ihr überhaupt haben konnte, der Sex war, den sie miteinander so spielerisch und so vertraut erleben konnten. Es schien ihm dennoch so, dass ihnen die Tiefe im Spiel der Lust nicht verloren gehen dürfe, weil sie Sprache war, Zeichen, Wort, Liebe. Ein anderer Götze, der ja so viele Menschen gerne um die Nase herumführen wollte, war der merkwürdige Glaube, man dürfe nichts von sich aufgeben zugunsten einer Liebe, sich nicht in ihr verlieren. Als könnte man sich verlieren in der Liebe statt sich in ihr zu finden. K. lächelte. Immerhin.
Autor / Copyright:
mkh
Mittwoch, 14. März 2012
Notiz 0312-4
Gemeinsamkeit wächst mit dem, was man miteinander teilt. Miteinander Teilen beginnt mit einem Mitteilen. Es verliert sich im Schweigen und nimmt zu mit der Aufmerksamkeit.
Autor / Copyright:
mkh
Notiz 0312-3
Es braucht nicht ein Wort, um Liebe, die ausfüllt, zu erklären. Erst wenn sie Löcher aufweist, werden die Worte spürbar, die fehlten. Nun kann man sprechen lernen über die Liebe.
Autor / Copyright:
mkh
Dienstag, 13. März 2012
Absurdes Theater
Es war ein schlechter Film. Oder absurdes Theater. K. musste Gas geben und drehte das Lenkrad weit nach rechts. Irgendjemand hatte ihm sizilianisches Blut in die keltogermanischen Adern gefüllt. Vor vielen, vielen Jahren schon, damals, als er in die Form seines Erdenlebens gegossen wurde. Die Reifen drehten auf dem Schotter durch und er bemerkte zu spät, dass die kantigen schwarzen Steine des Parkplatzes vielleicht viel höher davon stiebten, als er es wollte. Sein überstürzter Start war Sprachlosigkeit. K. fühlte sich abgewiesen und musste schneller sein, um aus der Situation zu entkommen, ehe er selbst wieder zurückbleiben würde. Das wollte er nicht noch einmal ertragen. Nicht jetzt, nicht nach diesem Streit, der nichts von dem, was wichtig war, beim anderen ankommen ließ. Ein schlimmes Zeugnis, wenn es so weit kommt, ein Zustand, der ihm irgendwann den Atem ebenso wie die Worte nahm. Er musste raus. Jetzt! Damit nicht er selber durchdrehen würde, besser die Reifen. Aber er war keine fünfhundert Meter gefahren, da ahnte er bereits, dass das, wovor er davon rasen wollte, ihn ganz sicher einholen würde. Früher. Oder später.
Woran liegt es, wenn zwei sich lieben und dann doch aneinander vorbei schleudern wie zwei aus ihren Umlaufbahnen geratene Sterne. Wenn man meint, es müsste doch so leicht sein, einfach das Herz zu öffnen, um sich zu verstehen. Wenn man meint, es sei ein Geschenk, das man dem anderen damit machen kann, einfach nur ehrlich über sich selbst zu sein. Aber das, was man geben will, muss nicht angenommen werden wollen; K. wusste es doch schon lange genug, sollte man meinen. Offenbar konnte er nicht aufhören, daran zu glauben, dass es dennoch so funktionieren müsse. Und überhaupt, wie doch so alles, alles durcheinander fliegt im Leben ... Einmal war man der Schenkende, dessen Gabe nicht angenommen wird. Ein andermal war man selbst derjenige, der nicht annehmen will, weil man sich bedrängt fühlte von einem Geschenk, das einem jemand geben wollte. Dazwischen liegen die Jahre wie Trümmer der Theaterkulissen aus einem ganzen Leben. Oder einem halben. Man muss dann immer erst wieder Ordnung schaffen und sich ausruhen, lange ausruhen. Ehe man klarer sehen könnte und neuen Mutes ins nächste Verderben voller Glauben rennen würde. Oder während die Bühne bereits brennt, immer noch die Hoffnung, dass es anders ist diesmal, anders, anders, wie ein abgefackeltes Theaterschwert in den Händen hielte.
K. ging ein paar Dinge einkaufen, die er zum Leben brauchte. Andere Dinge, die er für´s Leben zu brauchen glaubte, konnte er nicht erwerben. So beschränkte er sich auf Joghurt, etwas Obst, Gemüse, Brot, Apfelsaft und noch ein paar Sachen. Sein Gesicht hatte sich geschlossen wie ein Blumenkohl. Jetzt bloß keine unnötigen Worte an der Kasse verlieren. Er musste haushalten. Und sich gut verschließen. Auf dem Parkplatz raste ein junger Polofahrer viel zu schnell auf ihn zu. Idiot, dachte K.´s Blick. Er lud seine sieben Sachen in den Wagen und begab sich heimwärts. Er fühlte sich so, wie wenn ein schwerer Vorhang zum völlig falschen Zeitpunkt gefallen wäre und jeder wusste, dass es ein technischer Fehler war und weitere Szenen folgen müssten, aber schon waren die Scheinwerfer ausgegangen und alle Sitze leer. Er stand alleine im Notausgang, dessen Treppe dunkel war und voll gelagert mit den Bruchstücken eines Lebens, das nicht in Fluss kommen wollte. Hätte es in diesem abgebrannten Theater irgendwo noch eine Garderobe gegeben, er würde jetzt, bevor er es sich wieder anders überlegte, sein Hirn abgeben, um nicht mehr zu denken, nichts.
Woran liegt es, wenn zwei sich lieben und dann doch aneinander vorbei schleudern wie zwei aus ihren Umlaufbahnen geratene Sterne. Wenn man meint, es müsste doch so leicht sein, einfach das Herz zu öffnen, um sich zu verstehen. Wenn man meint, es sei ein Geschenk, das man dem anderen damit machen kann, einfach nur ehrlich über sich selbst zu sein. Aber das, was man geben will, muss nicht angenommen werden wollen; K. wusste es doch schon lange genug, sollte man meinen. Offenbar konnte er nicht aufhören, daran zu glauben, dass es dennoch so funktionieren müsse. Und überhaupt, wie doch so alles, alles durcheinander fliegt im Leben ... Einmal war man der Schenkende, dessen Gabe nicht angenommen wird. Ein andermal war man selbst derjenige, der nicht annehmen will, weil man sich bedrängt fühlte von einem Geschenk, das einem jemand geben wollte. Dazwischen liegen die Jahre wie Trümmer der Theaterkulissen aus einem ganzen Leben. Oder einem halben. Man muss dann immer erst wieder Ordnung schaffen und sich ausruhen, lange ausruhen. Ehe man klarer sehen könnte und neuen Mutes ins nächste Verderben voller Glauben rennen würde. Oder während die Bühne bereits brennt, immer noch die Hoffnung, dass es anders ist diesmal, anders, anders, wie ein abgefackeltes Theaterschwert in den Händen hielte.
K. ging ein paar Dinge einkaufen, die er zum Leben brauchte. Andere Dinge, die er für´s Leben zu brauchen glaubte, konnte er nicht erwerben. So beschränkte er sich auf Joghurt, etwas Obst, Gemüse, Brot, Apfelsaft und noch ein paar Sachen. Sein Gesicht hatte sich geschlossen wie ein Blumenkohl. Jetzt bloß keine unnötigen Worte an der Kasse verlieren. Er musste haushalten. Und sich gut verschließen. Auf dem Parkplatz raste ein junger Polofahrer viel zu schnell auf ihn zu. Idiot, dachte K.´s Blick. Er lud seine sieben Sachen in den Wagen und begab sich heimwärts. Er fühlte sich so, wie wenn ein schwerer Vorhang zum völlig falschen Zeitpunkt gefallen wäre und jeder wusste, dass es ein technischer Fehler war und weitere Szenen folgen müssten, aber schon waren die Scheinwerfer ausgegangen und alle Sitze leer. Er stand alleine im Notausgang, dessen Treppe dunkel war und voll gelagert mit den Bruchstücken eines Lebens, das nicht in Fluss kommen wollte. Hätte es in diesem abgebrannten Theater irgendwo noch eine Garderobe gegeben, er würde jetzt, bevor er es sich wieder anders überlegte, sein Hirn abgeben, um nicht mehr zu denken, nichts.
Autor / Copyright:
mkh
Sonntag, 4. März 2012
Geträumt
Ich hatte einen Traum. Und mal wieder war ich erstaunt, vermutlich noch während ich träumte, wie so ein tief empfundener Traum doch sein kann wie ein Leben. Eines, das nicht zum gelebten Leben auf der hiesigen Seite des Schlafes zu gehören scheint, oder vielleicht eben doch.
Der Traum war wie eine mir unbekannte Nische meines Lebens. Das Gesehene, die Bilder, ja, die Gerüche und das Spüren, alles das berührte so sehr, dass es wie der Griff durch eine heimlich offene Falte meines Seelengeflechts eine ungekannte Sehnsucht hervorholte, ein Verlangen in mir erweckte.
Als ich aus dem Schlaf in die Wachheit zurück fiel, wieder auf diese Seite hier kam, da versuchte ich lange, erneut in meinen Traum hinein zu finden. Der doch so schön war und so sehnsuchtsvoll. Ich wollte ihn festhalten. Aber nicht nur das. Ich wollte wissen, was es war, in das ich mich hinein geträumt hatte, hinein gefunden. Wo das war, wer, wann ... Der Traum hatte Fragen aufgeworfen, auf die ich Antworten suchte.
Etwa zeitgleich war mein kleiner Sohn aufgewacht, der diese Nacht im Papabett schlafen wollte und durfte. Er schaute mich mit müden, wachen Augen, noch halb im Schlaf, aber nachdenklich an. Jetzt ist der Film wieder vorbei, murmelte er, ein wenig traurig. Du hast geträumt, sagte ich.
Der Traum war wie eine mir unbekannte Nische meines Lebens. Das Gesehene, die Bilder, ja, die Gerüche und das Spüren, alles das berührte so sehr, dass es wie der Griff durch eine heimlich offene Falte meines Seelengeflechts eine ungekannte Sehnsucht hervorholte, ein Verlangen in mir erweckte.
Als ich aus dem Schlaf in die Wachheit zurück fiel, wieder auf diese Seite hier kam, da versuchte ich lange, erneut in meinen Traum hinein zu finden. Der doch so schön war und so sehnsuchtsvoll. Ich wollte ihn festhalten. Aber nicht nur das. Ich wollte wissen, was es war, in das ich mich hinein geträumt hatte, hinein gefunden. Wo das war, wer, wann ... Der Traum hatte Fragen aufgeworfen, auf die ich Antworten suchte.
Etwa zeitgleich war mein kleiner Sohn aufgewacht, der diese Nacht im Papabett schlafen wollte und durfte. Er schaute mich mit müden, wachen Augen, noch halb im Schlaf, aber nachdenklich an. Jetzt ist der Film wieder vorbei, murmelte er, ein wenig traurig. Du hast geträumt, sagte ich.
Autor / Copyright:
mkh
Abonnieren
Posts (Atom)