Donnerstag, 5. November 2009

Reife? Weisheit? Wie bitte?

- mkh erzählt über inneres Wachstum -

"Reife" und "Weisheit" möchte ich als Prozess sehen, als Weg. Nicht als Endform. Ich sehe an mir selbst, dass ich in einigen Punkten meines Lebens im Lauf der Jahrzehnte eine "größere" Reife und Weisheit erreicht habe. In anderen Punkten meines Lebens sehe ich, dass ich noch mitten auf diesem Weg bin und noch einige Berge vor mir habe.

Ich reagiere sehr skeptisch, wenn sich ein Mensch selbst als reif und weise bezeichnet. Christoph Langholf schreibt [in seinem Buch "Ich lasse los. Das Erfahrungsbuch für innere Heilung und spirituelles Wachstum"]: "Gleichmut, der aus dem Ruhen im wahren Selbst kommt, ist etwas völlig anderes als die über allen menschlichen Belangen stehende (...) Attitüde, die uns manchmal (...) begegnet. (...) Wenn Sie hinter die Fassade schauen, werden Sie eine Menge unerledigter emotionaler "Geschäfte" und große Hilflosigkeit im Umgang mit den eigenen Gefühlen entdecken. (...)"

Weiter schreibt er: "Da unsere Gefühle ein wesentlicher Teil unseres Menschseins sind, tun wir gut daran, sie uns zuzugestehen und sie wahrzunehmen." Hier sehe ich für mich den richtigen Weg. Es geht nicht um emotionalen Gleichmut, der sich selbst überhebt, es geht um ein Ruhen im wahren Selbst. Dieses wahre Selbst zu finden, ist eine unserer großen Lebensaufgaben.

Ich nehme manchmal eine Klarheit und Differenziertheit bei mir wahr, die ich als relativ reif und weise empfinde. Aber Reife und Weisheit sehe ich nur als Richtlinie auf meinem Weg, als Wegmarke meiner Lebensaufgaben, um mich weiter entwickeln zu können. Ich habe noch viel Weg vor mir, beispielsweise um zu lernen, bewusst zu entscheiden, ob ich einem Gefühl, das in mir aufkommt, folge, oder ob ich mir das Gefühl anschaue und entscheide, es als eine alte, unnötige Bindung loszulassen. Gelassenheit. Und das für einen Mitteleuropäer mit manchmal sizilianischem Temperament. Das ist tatsächlich eine Aufgabe.

Das "Ruhen im wahren Selbst" ist ein Weg, dem ich schon einmal näher gekommen war, eine Weile durch tägliche Meditation, durch lange Spaziergänge. Dies in Zeiten, als ich mehr Ruhe im Leben finden konnte, als ich weniger berufliche Arbeit und weltliche Pflichten hatte. Ein Weg, den ich im Übermaß der Alltagspflichten wieder mehr verloren habe. Damit bin ich auf meinem Weg zu "Reife" und "Weisheit" stehengeblieben, vielleicht sogar rückwärts gegangen.

Andererseits habe ich dabei andere Dinge gelernt, auf anderen Ebenen neue Eindrücke bekommen, die in mein persönliches Wachstum einfließen. Auf der beruflichen Ebene habe ich gelernt, mehr an mich und meine Fähigkeiten zu glauben, mehr Ehrgeiz zu entwickeln, über mich selbst hinauszuwachsen, auch bei heftigem Gegenwind weiterzugehen... Auch das ist eine Aufgabe, die auf inneres Wachstum einwirken kann. Und mein Vatersein: "Keine ruhige Minute", aber wie viel werde ich noch weiter mit meinen Kindern lernen können?! Wie groß sind diese Aufgaben auf dem Weg der eigenen Weisheit und der Reife!

Reife? Weisheit? Wie bitte? Wie vermessen wäre es, sich mitten auf dem Weg schon als weise und reif zu bezeichnen! Mit diesen Gedanken am Morgen setze ich mich demütig weiter in die Reihe der Suchenden und Lernenden.

Montag, 2. November 2009

Lärchenglühen

Lärchenglühen. Grüngelber Mirabellenbaum. Ahorn lang schon ohne rote Blätter. Fichten wie immer dumpf und grün. Birken mit ihrem letzten gelben Flaum. Buchen stehen in kupfernen Flammen. Der Wald, er brennt. - Haselnüsse und Eicheln sind gefallen und bereits in die kleinen behaglichen Erdhöhlchen der Siebenschläfer verschleppt. Vogelschwärme haben sich still und heimlich dem Herbstbild entzogen. Fragloser November. Es geht hinein.

Herbstzeit. Eine meiner liebsten Zeiten. Wenn das Leben dazu stimmt. Das tut es derzeitig nicht, so viel sei hier verraten. Ich sprach bereits von Scheitern, das auch eine Chance ist für Demut, Rückzug, Erleiden, Erfahren... - "Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz, alle Freuden, die unendlichen, alle Schmerzen, die unendlichen, ganz." Wusste Goethe auch schon ganz gut. Jede Leidenszeit ist immer auch eine Zeit für Entwicklung. Nie war es anders. Die Brüche des Lebens tragen in ihrem Keim die Möglichkeit, genauer hinzuschauen, zu hinterfragen, sich zu orientieren. Was wollte ich doch? Was geriet in Vergessenheit? Wie war das mit der Achtsamkeit in meinem Leben? Wo ist sie verblieben, als die Stunden wieder schneller und schneller wurden?

Und dennoch: Man könnte auch drauf verzichten. Einfach glücklich sein mit sich und dem Drumherum wäre eine echte Alternative. Hat nicht sollen sein. Fürs Erste mal wieder. Am Ende betrachtet - was ist eigentlich schlimmer: Die Zeit, in der alles noch eins scheint, in der man gar nicht bemerkt, dass etwas fehlt, oder die Zeit des Zerbrechens, in der etwas fehlt, das man doch nur anwesend wähnte?

Dienstag, 20. Oktober 2009

Das Ende einer unvorhersehbaren Geschichte?

In den letzten Wochen ist ein kleiner kooperativer Fortsetzungskrimi im Weblogformat entstanden - wer ohne Krimi nie ins Bett geht oder so: zum Schmökern bitte hier entlang !

Oder erst ein kleiner Auszug gefällig?

(...) "Was wird aus den beiden Fahrscheinkontrolleuren?", Weazel Wissum meint natürlich Bängler und Kalotzki, die beiden Kripobeamten.
"Anna wird sich um sie kümmern", antwortet Lolita, dirigiert Weazel in einen der unübersichtlichen Korridore in "Lolitas Lounge" und verschwindet mit ihm dann in einem geräumigen Zimmer mit schweren dunkelroten Samtvorhängen.

Anna war Triathlet. In einem früheren Leben. In Frankfurt war sie unter den ersten zehn und auf Hawaii brachte sie es immerhin bis auf Rang 16, und das war absolute Weltklasse, wenngleich ihr die ganz großen Siege versagt blieben. Anna lief, schwamm und fuhr eine unglaubliche Rekordzeit nach der anderen, ehe sie bemerkte, dass sie immer nur ihrem eigenen Geheimnis davon lief, davon schwamm und davon fuhr. Dass sie einer persönlichen Offenbarung entfloh, die sie selbst nicht wahrhaben wollte. In dem schlanken, stangenlangen und durchtrainierten Muskelkörper des Triathleten Anders Wendig steckte das Wesen einer Frau. Als Anna endlich bei sich angekommen war, war sie Weltmeisterin geworden.

Anna hat noch eine andere Leidenschaft: Sie ist eine passionierte Verwandlungskünstlerin. Schon immer hat sie es geliebt, mit Klamotten, Hüten, Bärten und Schminke in die Rolle anderer Menschen zu schlüpfen. Bängler und Kalotzki schnaufen, keuchen und husten, wie sie dem rennenden Weazel Wissum aus einem Hinterausgang des Etablissements zu folgen versuchen. "Verdammt ... schnell ... der Alte", ächzt Bängler. "Man glaubt es ...", jappst Kalotzki, "...kaum ... so schnell ...ist der!" Sieben Blocks weiter wird sich zeigen, dass Anna immer noch verdammt gut im Lauftraining ist.

"Also, warum musste Kylie sterben?" Wissum schaut sehr ernst.
"Du weißt es, Weazel ", weiß Lolita, "Sie war zu einem Sicherheitsrisiko geworden."
"Das Rüsselsheimer Spionageprojekt...", der Alte wird jetzt so bleich wie es seinem Alter entspricht.
"Eure Münchner Auftraggeber haben die Russenmafia unterschätzt - und ihr beide, Kylie und du, ihr habt sie auch unterschätzt. Die Welt funktioniert nicht mehr so wie vor dreißig Jahren, Weazel. Das Umfeld ist härter geworden, fieser, durchtriebener, gemeiner und brutaler, mörderischer! Die Jungs aus Stupino wollten sich das nicht einfach gefallen lassen, dass ihre Übernahmepläne bei MOPEL durch euren Spionagezug gesprengt wurden. Die Kerle hätten unser komplettes Netzwerk durcheinander gewirbelt, mein guter Weazel! Wir mussten handeln, schnell handeln."
"Ihr habt Kylie ... geopfert!"
"Irgendein Kopf muss rollen, damit das System weiterleben kann. Das weißt du doch am allerbesten, Weazel!"
Weazel weiß es und schweigt. (...)

Samstag, 17. Oktober 2009

Botschaft?

"Wir haben nicht gelernt, die Botschaft zu bedenken, die uns das Scheitern anbietet (Geduld, Demut und Leidensfähigkeit); statt dessen verdammen und hassen wir das Scheitern. Wir versuchen, es auszumerzen (als ob wir das könnten) und unsere Probleme und Ängste anderswohin zu projizieren." (Richard Rohr; Quelle)

Sonntag, 11. Oktober 2009

Metamorphosis

Ein Schwertwal saß auf meinem nassen Dach,
schwarzweiß und aalglatt - wie Gefieder,
schaute in den Himmel hoch und nieder,
doch dann flog er wieder
und war Elster, ach.