Samstag, 16. August 2008
Schachtelwelt
In der Ecke einer Ecke lag ein bisschen Zeit. Ich nahm sie auf, machte mich auf den Weg, sie zu nutzen. In der Frage einer Frage lag etwas Sinn. Der sagte mir, es sei manchmal gut, auf Dinge zu warten. Im Sitzen eines Sitzens lag Ruhe. Die brachte mich fort, weit über die Flügel des Horizonts. In der Fremde einer Fremde lag Unvorhersehbares. Das machte mich klug, indem ich die Antworten lernte. In dem Meer eines Meeres lag etwas Tiefe. Als ich sie ertauchte, fand ich den Spiegel der Welt. In dem Traum eines Traumes lag Sehnsucht. Ich griff sie wie die Mähne eines windwilden Schimmels. In dem Wort eines Wortes lag ein Quantum Nichtverstehen. Ich durchschaute es nie, blieb es doch fern jeder Logik. In dem Blog eines Blogs lag ein Körnchen Weisheit. Als ich es aufnahm, zerfiel es in Nichts.
Dienstag, 12. August 2008
Feuerseele
Asche auf dein Haupt.
Rauchen ist erlaubt.
Ausbruch einer Feuerseele.
Pompejis pyroklastische Ströme.
Tufftürme von Göreme.
Es gibt keine Ruh.
Im Berginnern deine magmatische Stele.
Ascheregen deckt alles zu.
Ein Dichter floh
lichterloh.
Die Augen der Eifel.
Der Vogelsberg füllt sich mit Blut.
Glutwolken wälzen voll Wut
deine Hänge hinunter
in rotliegende Rachen der Teufel.
Du brennst schon wie Zunder.
Dein Herz Obsidian.
Du bist der Vulkan.
Rauchen ist erlaubt.
Ausbruch einer Feuerseele.
Pompejis pyroklastische Ströme.
Tufftürme von Göreme.
Es gibt keine Ruh.
Im Berginnern deine magmatische Stele.
Ascheregen deckt alles zu.
Ein Dichter floh
lichterloh.
Die Augen der Eifel.
Der Vogelsberg füllt sich mit Blut.
Glutwolken wälzen voll Wut
deine Hänge hinunter
in rotliegende Rachen der Teufel.
Du brennst schon wie Zunder.
Dein Herz Obsidian.
Du bist der Vulkan.
Sonntag, 10. August 2008
Experience cq2 / Du bist der Kreator
loc. planet earth / auth. weyp / cq2.18 Entgegen meiner früheren Aufzeichnung muss ich sagen, dass ich nicht mehr sicher bin, ob ich meine Stellung hier im Mikrokosmos nicht völlig falsch eingeschätzt habe. Ich habe gerade in meinen alten Einträgen gelesen: "...die Ameisen respektieren mich ... ich bin hier der uneingeschränkte Herrscher im Mikrokosmos..." Das muss ein Adrenalinschub nach dem ersten Schock gewesen sein. Ich bin heute nicht mehr sicher, wer hier eigentlich wen beherrscht. Ich muss nachdenken.cq2.19 Life is what happens to you while you're busy making other plans. Warum geistert mir dieses alte Zitat durch den Kopf? Eine Rockikone aus dem 20. Jahrhundert soll das gesagt haben. Ein berühmter Mann. Im abtrünnigen Euromodul Großbritannien, dem letzten Königreich im 26. Jahrhundert, feiern sie noch heute den Lennon-Day. Ich glaube, John hieß er, oder Paul? Egal. Jetzt, wo es wieder heiß geworden ist, liege ich oft lange wach und denke über alles nach. Ich hatte einmal Pläne! Ich hatte Träume. Ich wollte ein berühmter Zeitreisender werden, nicht nur in den unterirdischen Instituten Staub ansetzen. Ich hatte eine Familie. Meine Frau - ich zögere, das zu schreiben - ich erinnere mich längst nicht mehr an ihr Gesicht. Es ist verblasst. Wie alles andere. Ich habe sogar die Stimmen meiner Kinder vergessen. Es ist hart, es ist unglaublich hart, das zu schreiben. Alles, was mir lieb und teuer war, ist mir Stück für Stück zwischen den Fingern hindurchgeglitten. Ich bin alleine. In den langen, heißen Sommernächten spüre ich es wieder: ich bin der einsamste Mensch im Kosmos. - Ich kann nicht schlafen, wieder liege ich wach. Die Ameisensoldatinnen schleichen vor meiner kleinen Wurzelhöhle hin und her. Sie glauben, ich merke nicht, dass sie da sind. Aber ich spüre es. Und ich spüre auch: Irgendetwas stimmt hier nicht!
cq2.20 Strahlender Sonnenschein. Blauer Himmel. Sommer! Hier in der Fichtenmonotonie hat man nicht viel mitbekommen vom Frühling und vom Sommeranfang, die Vegetation ist hier sehr reduziert. Aber! Haha, ich habe ja meinen Amigo! Mit einem Marienkäfer durch die Lüfte zu flattern hat ein bisschen was von einem wagemutigen Schwirrflug mit dem Orgonotor im Zentrifugalrotorenmodus. Eine der blödsinnigsten Erfindungen unserer Tage! Aber es macht Spaß! Amigo lässt sich ungefähr genauso widerspenstig lenken. Er schüttelt seine Flügel wie ein Irrer, aber kaum kommt ein Luftzug, da ändert er seine Richtung oder hebt zum Sturzflug an und lässt sich vom nächsten Auftrieb wieder hochwirbeln, nur um bald die nächste Kapriole zu drehen. Das ist schon ein lustiger Käfer! Ich muss sagen, er ist zwar nicht gerade schlau, aber ich habe diesen roten Kerl mit seinen sieben lustigen schwarzen Punkten ins Herz geschlossen. Amigo - ein guter Name! Ich fliege mit ihm jetzt fast täglich. Wir gelangen immer wieder in den Randbereich des Forstes. Dahinter erstreckt sich wie ein Ozean eine blühende Wiese, das Gras weht haushoch im Wind. Ich würde gerne noch weiter in die Ferne sehen können! Ich möchte sehen, wie diese Welt im 21. Jahrhundert am Horizont weitergeht. Ich würde höher fliegen, aber Amigo kann nicht. Ich glaube auch, seine Kräfte lassen nach. Du wirst älter, mein alter Junge! - Kürzlich sind wir auf dem Stamm einer riesigen Eiche gelandet (eine Baumart, die vor ein paar hundert Jahren verschwunden ist, wie so viele andere europäische Gewächse). Sie steht etwas windschief am Waldrand, ihre Borke ist rau und hat kluftartige Hohlräume, durch die sich ein Kletterer meiner Größe problemlos nach oben bewegen könnte, höher und höher, Stück für Stück. Ich habe einen Plan ins Auge gefasst. Ich benötige allerdings erst die notwendige Ausrüstung. - Und ich muss versuchen, meine Gedanken gegen die Ameisenkönigin abzuschotten. Ich muss einen Weg finden, mich gegen sie abzugrenzen!
cq2.21 Es ist Nacht. Und heiß und still. Nur ein paar riesenhaften Spitzmäuse rascheln draußen durch die Nadeln. Und die Soldatinnen gehen vor meiner Höhle auf und ab, auf und ab. Der Marienkäfer sitzt irgendwo da draußen, er fliegt auch gerne nachts. Ich liege hier auf meinem Lager und bin wach, wach, schrecklich wach. Die Stimme der Königin kommt mir wieder in den Sinn. Wieso haben telepathische Signale eigentlich eine Stimme?!? Ist es unsere eigene Fantasie? Oder haben Gedanken eine Frequenz, eine Schwingung? Ihre Stimme, sie ist – das ist nun auch wieder mehr als seltsam zu schreiben – ihre Stimme ist ein wenig heiser, aber doch klar, innig, als wäre sie lebendiges Fleisch. Meine Götter ja! Sie klingt sexy wie eine der begehrenswertesten Nutten aus der küstenvorgelagerten Vergnügungsinsel Paulipolis, die sich mit ihrer schwimmenden Architektur aus der untergegangenen Metropole Hamburg erhebt! Sie saugt mich mit ihrer Stimme aus! Verdammte Scheiße, ich spreche von einer Ameisenkönigin!!! Diese ganze Welt, in der ich hier gelandet bin, ist so was von durcheinander!
cq2.22 Als sie mich rief, das waren zunächst undeutliche Zeichen, die ich nicht verstand. Es war Winter, es war kalt und nass, ich lag frierend und ausgezehrt in meinem Wurzelloch, das ich mit Moos und Laub abgedichtet hatte. Ich lag wach, die Winternächte waren endlos, und ich konnte vor Kälte nicht schlafen. Ich hatte erbärmlichen Hunger und wurde jeden Tag schwächer. Und ich verlor den Mut und den Glauben ans Überleben. Ihre Signale in meinem Kopf wurden deutlicher. Und ich begann, ihre Gedanken zu verstehen. Ich wusste nur nicht, woher sie kamen.
Mensch. Kleiner Mensch. Höre. Kleiner Mensch.
Mit ihrer fleischigen Stimme ertönte ein Schwirren, ein schrilles Gurgeln im Hintergrund, als wäre die Frequenz nicht richtig eingestellt. - Wer ist da?
Du brauchst uns, kleiner Mensch. Du wirst uns brauchen. Höre uns an.
Verdammt, wer ruft mich denn da in meinem gottverlassenen Schädel?
Wir sind nur Ameisen, kleiner Mensch. Hautflügler. Hymenoptera. Formica rufa. Die Rote Waldameise. Wir sind die Königin. Wir sind die Königin. Höre zu, kleiner Mensch, Du wirst uns brauchen.
Und ich hörte ihr zu. Und ich hörte, was mir die Ameisenkönigin vorzuschlagen hatte:
Komm zu uns, kleiner Mensch. Sei bei uns. Bei uns ist es warm. Bei dir ist es kalt. Du wirst sterben. Du willst doch nicht sterben, kleiner Mensch. Wir werden leben. Wir brauchen dich, Mensch. Es wird Großartiges geschehen. Wir wollen dich dabei haben, kleiner Mensch.
Und ich nahm das Angebot an! Am nächsten Tag siedelte ich um. Ich betrat ein scheinbar völlig leeres Ameisennest, die einsamen, leeren Gänge und Säle des geisterhaft leergefegten, winterlichen Ameisenstaates. Hier war es tatsächlich weitaus wärmer als in meiner Wurzelhöhle. Ich war geschützt, fand Essbares, fand Wasser, und ich überlebte den eisigen Winter in der Obhut der Ameisenkönigin, die ich jedoch niemals zu Gesicht bekam.
cq2.23 Wozu braucht ihr mich? Fragte ich sie. Es war Frühling geworden, und die Königin hatte mit der Eiablage begonnen, Hunderte, Tausende von Ameiseneiern füllten die Räume.
Wir brauchen dich, kleiner Mensch. Du bist klug. Du bist der Herrscher, der Mensch. Du veränderst die Welt. Du schaffst Neues. Du bist der Kreator. Der Schöpfer. Wir wollen wissen. Wie ist das: der Geist, der Neues gebärt. Wir wollen lernen.
Ich Idiot! Ich fühlte mich dabei auch noch geschmeichelt. Ich hirnverschobener Mikromensch, ich glaube, mein Verstand ist bei der Zeitreise mehr geschrumpft als alles andere! Heute sehe ich erst, was sie wollen! Ja, sie wollen lernen von mir! Sie wollen mich, weil ich ihnen zeigen kann, wie man die Welt regiert, wie man zur Krone der Schöpfung wird. Haha!
Ich blieb im Ameisenstaat. Die Ameisenkönigin sah ich nie. Sie blieb ein lebendiges Phantom in meinem Kopf. Aber ihr Staat wuchs und wuchs. Das Nest wurde immer größer, ein Dom, eine Kathedrale, eine riesenhafte Festung! Die Arbeiterinnen wurden jeden Tag zahlreicher. Sie zeigten mir, wie man Blattläuse melkt, und ich begann Blattläuse zu melken, statt sie zu essen. Sie zeigten mir, wie sie bauen und wie ihr Staat funktioniert. Bald begannen die ersten Ameisenmännchen dumm durch die Lüfte zu fliegen und Jungköniginnen zu begatten. Sie alle achteten mich, als hätte ich einen geheimen Passierschein der Königin, den ich ja wohl tatsächlich irgendwie hatte. Es war eine gewisse Geborgenheit, eine Sicherheit, ja, ein Zuhause. Ich merkte erst nach und nach: Ich gehöre nicht hierher! - Von Zeit zu Zeit kam die Ameisenkönigin in meinen Kopf und sprach mit mir. Und ich sprach mit ihr. Sie hörte mir zu und sie lernte. Sie nahm mein Wissen auf! Sie molk meinen Geist! Sie saugte mich aus, während ich mich in ihrer telepathischen Präsenz, in ihrer schier körperlich greifbaren Gegenwärtigkeit, mit dieser Stimme, auch noch gut dabei fühlte... – Als ich schließlich doch raus und meine alte Wurzelhöhle beziehen wollte, da gab sie mir freies Geleit. Seither lebe ich wieder eigenständig, beackere meinen kleinen Garten und schaue nach meinen Blattläusen, aber ihre Soldatinnen schleichen tagaus, tagein um mich herum. Und nachts kommt sie zu mir, in meinem Kopf, und sie saugt mir mit ihrer unerhört erregenden Stimme alles, was ich weiß, aus meinem Verstand! Die Ameisenkönigin. Ich muss irre sein. Aber nein, leider nicht einmal das.
cq2.24 Amigo und ich haben heute etwas entdeckt! Eichenprozessionsspinnerraupen! Ein ganzer Zug! Riesenhafte, fette Wurmmonster mit fürchterlichen Brennhaaren. Im 22. Jahrhundert haben sie ganze Eichenwälder kahlgefressen und gaben den vertrockneten und von Borkenkäferplagen heimgesuchten Bäumen den Rest. Ich sah ihre merkwürdige Prozession am Stamm meiner alten Eiche. Ich sah, wie sich einige ihrer Gifthaare immer wieder lösten. Vorsicht! Sie enthalten Thaumetoporin, Nesselgift! Als es damals immer wärmer wurde, traten bei den Menschen in Europa Millionen Fälle von Raupendermatitis auf. Damals? Ich befinde mich offenbar in der frühen Zeit ihrer mitteleuropäischen Ausbreitung.
cq2.25 Ihre Brennhaare haben Widerhaken. Und auf einmal fällt mir ein, dass ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann! (Wie man zu sagen pflegte, bevor Mücken zu Elefanten wurden!) Die Gifthaare der Raupen sind schreckliche Waffen, die ich mir (Haha! Ich bin der Kreator!) gegen mögliche Feinde zu Nutze machen kann. Und weiterhin: Mit ihren Widerhaken bieten sie mir die Möglichkeit, hoch in die Wipfel meiner Eiche aufzusteigen. Ich müsste diese Lanzen nur über mich in den Stamm werfen, wo sie stecken bleiben würden, und an einem daran befestigten Seil - aus getrockneten Pflanzenhärchen der Brennnessel - könnte ich Stück für Stück höher klettern, wie ein alpiner Bergsteiger! Nur mein Matterhorn ist eine Stieleiche. Oben, oben im Wipfel, könnte ich weit in die Ferne schauen, um mich zu orientieren. Denn ich will raus hier! Weg aus dem riesigen Fichtenforst, der von undurchdringlichen Wasserströmen umgeben ist. Raus aus dieser öden Wildnis. Fort von den Ameisensoldatinnen und ihrer durchtriebenen Königin! Und hin – wenn ich denn erst herausfinden würde, in welche Richtung und wie ich dorthin kommen könnte – hin zu den Menschen!
cq2.26 Ich habe meinen Plan gefasst. Ich treffe letzte Vorbereitungen. Mein alter Amigo! Ich werde dich bald verlassen müssen. Du flatterst gut, aber nicht gut genug für die Reise, die ich antreten werde. Und du bist alt geworden, mein treuer Freund. Wir werden noch einen letzten Flug miteinander haben, halte dich bereit! - Morgen werde ich beginnen, die Brennhaare der Raupen einzusammeln.
Donnerstag, 7. August 2008
Heimatloser Planet
Während ich hier mal ganz stille
sitzen will, schreibe, dreht
sich eine laute und schrille
Erde - mein Heimatplanet.
Dreht sich durch multiversale
Welten und weiß nicht, wo,
wo in der Welt ist die Schale,
daraus er einst leise floh.
Erdenplanet, heimatloser,
wirbelst, bewegst dich, du
ewiger Sonnenumtoser.
So find ich nie meine Ruh!
Geschrieben heute von mkh.
Gewidmet Herrn Joachim Ringelnatz
zum 125. Geburtstag.

Quelle: bitte hier entlang!
sitzen will, schreibe, dreht
sich eine laute und schrille
Erde - mein Heimatplanet.
Dreht sich durch multiversale
Welten und weiß nicht, wo,
wo in der Welt ist die Schale,
daraus er einst leise floh.
Erdenplanet, heimatloser,
wirbelst, bewegst dich, du
ewiger Sonnenumtoser.
So find ich nie meine Ruh!
Geschrieben heute von mkh.
Gewidmet Herrn Joachim Ringelnatz
zum 125. Geburtstag.

Quelle: bitte hier entlang!
Mittwoch, 6. August 2008
Über die Arbeit
"Im Zen wird alles, was man tut, zum Medium der Selbst-Verwirklichung; jede Handlung, jede Bewegung wird aus ganzem Herzen vollzogen, nichts wird ausgenommen. ... Dann gibt es nichts mehr als das reine Tun, den puren Akt: das Heben des Hammers, das Spülen des Geschirrs, die Bewegung der Hände über die Schreibtastatur, das Ausrupfen der Kräuter. Ist alles andere - Gedanken über Vergangenes, Phantasien über die Zukunft, Urteile und Wertungen über die Arbeit - denn mehr als Schatten und Schemen, die unseren Geist durchzucken und uns davon abhalten, uns vorbehaltlos und ganz auf das Leben als solches einzulassen?"
Philip Kapleau (in: Thich Nhat Hanh. Schlüssel zum Zen. Der Weg zu einem achtsamen Leben.)
Philip Kapleau (in: Thich Nhat Hanh. Schlüssel zum Zen. Der Weg zu einem achtsamen Leben.)
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