Freitag, 3. Juli 2009

Heimkehr

Auszug: John O´Donohue, "Landschaft der Seele"


"Vielleicht spürt die Natur die Sehnsucht, die in uns ist, die Rastlosigkeit, die uns niemals zur Ruhe kommen lässt. Wenn wir sie aufsuchen, nimmt sie uns in den Frieden ihrer Stille auf. Wir gleiten in ihre ruhige Kontemplation und wohnen für eine Weile in der Tiefe ihrer uralten Zugehörigkeit.

(Foto: mkh 2009)












Irgendwie scheinen wir eins mit dem Rhythmus des Weltalls zu werden. Unsere Sehnsucht gewinnt an Klarheit, und neue Kraft erfüllt uns, so dass wir erfrischt ins Leben zurückkehren und unsere Zugehörigkeit zur Welt läutern können.

Die Natur ruft uns zu Frieden und Rhythmus. Wenn unser Herz verwirrt oder schwer ist, gibt uns ein Tag in der ruhigen Ewigkeit der Natur unseren verlorenen Seelenfrieden wieder."

(O´Donohue 2000, Landschaft der Seele, S.45)

Mittwoch, 24. Juni 2009

Anam Cara

"Jeder von uns hätte einen Anam Cara, einen Seelenfreund, sehr nötig. Eine solche Liebe schenkt uns das Bewusstsein, verstanden zu werden und zwar so wie wir sind, ohne Masken oder Verstellungen. (...) Die Liebe ist das einzige Licht, das die geheime Signatur der Individualität und der Seele des Anderen lesen kann." (John O´Donohue)

Ein Freund. Mein Freund. Wir sind Freunde. Wir sitzen mit den Rücken an einen Baum gelehnt und tauschen unsere Gedanken. Wir wandern gemeinsam durch die Berge und freuen uns über unsere Kräfte. Wir trinken zusammen ein Bier. Wir sind Männer, die ihr Mannsein mögen und ihr - tiefer sitzendes - Frau-Sein-im-Mann ebenso. Männer haben mannigfaltige Gefühle. Männer sind manchmal stark. Manchmal schwach. Männer haben Träume und Traurigkeiten, Sehnsüchte, manchmal ein großes Verlangen.

Ich spreche hier nicht vom Schwulsein. Für mich wäre das nichts, und ehrlich gesagt bin ich auch froh, dass es nichts für mich wäre. Ich habe einen gewissen Respekt vor schwulen Männern, die sich mit ihren Vorlieben, die gesellschaftlich wohl immer noch wenig konform sind (oder?), nicht verstecken. Ich bin froh, dass ich das nicht am Hals habe. Und natürlich bin ich froh, dass ich die Schönheit der Frauen zu schätzen weiß und die Begegnung von Männlichkeit und Weiblichkeit. Aber weder über das eine noch über das andere wollte ich hier erzählen.

Sondern über die Liebe. Über die Liebe zwischen Männern, die Freunde sind. Über die Freundschaft. Über die Seelenfreundschaft, wie John O´Donohue - leider im Januar 2008 früh verstorben - es nennt. Mein "Anam Cara" - ich sehne mich manchmal nach ihm. Ohne ihn genau zuordnen zu können. Er ist nur: mein Freund. Der Inbegriff. Nach ihm, den ich verstehe, so wie er ist, der mich versteht, so wie ich bin. Nach dem Miteinander ohne Masken. Nach der gemeinsam erlebten Individualität, wie sie nur zwei Seelenfreunde einander ansehen, dem andern anfühlen können.

Manch ein Miteinander ging in die Brüche, manch ein Anam Cara war, wie in der Liebe zwischen Mann und Frau auch, am Ende ein Lebensabschnittsbegleiter. Man verändert sich, selbstverständlich! Alle sieben Jahre sind unsere Zellen komplett erneuert, hörte ich. Manchmal fühle ich mich auch in sieben Tagen wie ausgewechselt, oder in sieben Stunden, aber das ist eine andere Geeschichte. - Oder: Die Entfernung wurde größer. Oder die Nähe brachte mehr Eigenheiten an den Tag, die man nicht mehr ertragen konnte. Oder man fand einfach nicht mehr den Zugang zueinander, blieb irgendwo an der Oberfläche des anderen haften, oder an seiner eigenen. Stolperte auf dem schwierigen Pfad eines vermeintlichen Tiefgangs, der keiner mehr war. Masken brauchen Zeit, um sich in einer Atmosphäre aus Vertrauen und Selbstverständlichkeit allmählich aufzulösen. Aber Zeit? Wer hat denn noch Zeit für Freundschaft? Für Liebe? Für Seelengefährten?

Wir sind Freunde. Wir haben uns gern. Wir kommen miteinander klar. Wir stehen zueinander. Unsere Freundschaft hat sich bewährt. Während ich mir die Worte und Blicke meistens aus einer der Taschen pflücke, die ich in der Weste habe, wähle ich die Worte meinem Freund gegenüber tief aus dem Herzen. Wir sprechen und vertrauen und hören, was der andere sagt. Es geht nicht um eine Talkshow, wie in den meisten Gesprächen: schnell ein paar Gedanken loswerden, die einem zu diesem oder jenem Thema im Kopfe schwirren. Nein, es geht uns um ein Lauschen mit dem Herzen. Gemeinsame Stille lässt erst das Verstehen zu. Plaudern verdeckt es.

Irgendwann wurde der Wunsch, allein zu sein, wohl größer als die Sehnsucht nach Seelenfreundschaft. Allein sein, individuell sein, das hat seine Vorteile. Irgendwann gab es so viel zu tun. Die Kräfte verlagerten sich, die Zeit wurde dicker. Das Internet gab dem Zeitmanagement den Rest. Suggerierte Nähe, wo keine war. Oder Nähe, die darin bestand, dass jeder, der sich daran beteiligte, nur dachte, es sei Nähe. Auf diese Weise kam man sich nah, so fern man sich auch blieb. Fallstricke! Und doch: mag ich euch alle. Aber - wir saßen nie gemeinsam mit den Rücken an einen Baum gelehnt und tauschten Gedanken.

Irgendwann nahm sich die Liebe eine Frau und gebar ein erstes Kind. Zwar wird nichts anderes größer, je mehr man davon gibt, als die Liebe, so heißt es, aber dennoch blieb noch weniger Zeit, noch weniger Raum, vielleicht noch weniger Bedarf? Aber das ist immer noch nicht alles: Freunde sind rar geworden. Bekannte, ja, ein paar Kumpels noch aus den Zeiten der Schöpfung. Ein paar Leute, die man mag, halb beruflich, halb privat. Ab und zu eine Feier in mehr oder weniger geselliger Runde. Oder ein paar kurze, aber auch herzliche Gespräche auf dem Markt am Samstag zwischen zwei Stündchen. Aber alles verläuft sich recht schnell und lebt sein eigenes Leben. Viele von uns leben irgendwie zurückgezogen, oder?

Das kleine Miteinander zwischendurch reicht nicht aus, um die Masken abzulegen. Die feinen Masken, die keiner mehr wahrnimmt, am wenigsten die, die sie tragen. Die dünnen, unsichtbaren Masken, die den Blick in die Seele eines Freundes verschleiern. Man bräuchte Zeit. Füreinander. Wie für sich selbst. Zeit, um die Stunden gemeinsam zu teilen. Man bräuchte irgendeinen vergessenen Raum, in dem das Licht anders scheint als anderswo. In dem das Licht genau so schimmert, dass man die geheime Signatur der Individualität und der Seele des Anderen gerade noch lesen kann.

Irgendein Raum, den wir verlassen haben, als wir hinter den Türen weitere Türen fanden, die uns hinter weitere Türen brachten.


(John O´Donohue gewidmet - und L., J., M. und all den andern...)

Mittwoch, 17. Juni 2009

Das geht gar nicht!

Multi-Tasking schön und gut. Aufpassen sollte man allerdings dann, wenn man zwei ausgesprochen wesensverwandte Tätigkeiten gleichzeitig ausübt. Es bringt nichts, am frühen Morgen - aufgrund des anschwellenden Katergejammers - die einmal begonnene Aktivität, mit dem Kaffeelöffel Espresso in die Kanne zu füllen, durch eine sehr ähnliche Tätigkeit zu unterbrechen, nämlich Katzenfutter in den Napf zu geben. Auch wenn die in beiden Fällen spezielle Nutzung eines Löffels das vor sich hindämmernde Bewusstsein durchaus überlisten kann, ist Dosenfleisch in der Espressokanne einfach nicht empfehlenswert.

Ebenfalls wenig gewinnbringend ist es, am Vormittag im telefonischen Kundengespräch das eigene Honorar herunterzuhandeln. Auch wenn es sich ursächlich um einen Hörfehler handelt - und zweihundert klingt ja tatsächlich sehr ähnlich wie dreihundert, oder?! Aber es führt einfach nicht zum gewünschten wirtschaftlichen Erfolg, wenn man diese - immerhin originelle - Strategie allzu häufig verfolgen würde. Und nicht in jedem Fall hat man das Glück, dass der humorvolle Kunde auf seinem großzügigeren Angebot beharrt und spaßigerweise mit den Worten "Wir können natürlich auch darüber handeln" auf einen bekannten Monthy-Python-Film verweist, in dem ein gewisser Brian dazu aufgefordert wird, den ihm angebotenen Preis doch gefälligst erst einmal herunterzuhandeln. Grundsätzlich geht das jedenfalls auch mit dem eigenen Honorar, ist aber wirklich Unsinn.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass mich jüngst wieder eine Mail erreichte, diesmal unter dem Titel "Verdreckte Schuhe, das geht gar nicht"! Die Vetriebsleiter für Europa bedanken sich bei mir für das angefragte Angebot für Schuhputz-Maschinen, welchselbige sie für immerhin nur noch 119 Euro (statt 799 Euro!) anbieten können. - Sollte ich mir trotz dieser überzeugenden Marketing-Offensive aus gänzlich unverständlichen Gründen nach wie vor keinen Schuhputz-Automaten zulegen wollen, wäre zumindest zu überlegen, ob ich in diese vielversprechende, zukunftsfähige Branche aktiv einsteige. Ich sympathisiere zunehmend mit ihren ausgesprochen bodenständigen Prämissen. Ich werde weiter berichten.

Freitag, 12. Juni 2009

Frankfurt











































(c) mkh 09. Juni 2009

Selbstzweifeltag

Ich mag sie nicht, diese Tage, die von Selbstzweifeln zernagten. Die, an denen überall Schuhe im Weg liegen und nichts so läuft, wie es soll. An denen ich sinnlos durch´s weltweite Netz stochere, immer der Meinung, noch schnell irgendwas Wichtiges in Erfahrung bringen zu müssen, letztlich aber nur, um mich aus dem Dasein zu verirren, virtuell mich zu verwirren. Diese Tage, an denen mir rostige Nervenstränge wie alte, abgerissene Drahtgeflechte aus den Ohren hängen. An denen die Sommersonne erfolglos ins Leben einlädt. An denen ich mich zuklappen möchte wie einen löchrigen Schirm und in die Ecke werfen. Die Tage, an denen ich niemandem gerecht werde, am wenigsten mir selbst. Weit sind die großen Werke, die ich verrichten will, eh ich in zwanzig Jahren zu alt dafür bin oder in vierzig, sechzig oder drei Jahren sterbe. Alles, was groß ist, jetzt ist es fern. Und dabei so nah, dass es mich ruft, und ich will es nicht hören, nur meine Ruhe. Trägheit, gepaart mit einem momentanen Aussetzer von Sinn. Ein Hoffnungsschimmer einzig darin, dass ich weiß, es geht vorbei, meistens schneller, als ich denke. Also weiter im Jetzt mit der Gewissheit eines bald wieder besseren Späters. Und ein Glück, ich bin in der Lage, es trotzdem zu tun, das, was abhilft, mich nicht stürzen zu lassen, sondern nach blauen Himmeln zu greifen. Nach ragenden Ästen, und bald, nachher, heute abend oder morgen, ja morgen vielleicht, werde ich wieder erkennen können, wie schön grün ihre jungen Blätter sind. - Manchmal muss man auch dem nagenden Nichts einen Namen geben. Ich nenne es Selbstzweifeltag.

Und während ich schreibe, bringt mir mein Sohn ein hölzernes Puzzleteil mit einem bunten Papagei. Es ist Zeit, zurückzukehren.