"Jeder von uns hätte einen Anam Cara, einen Seelenfreund, sehr nötig. Eine solche Liebe schenkt uns das Bewusstsein, verstanden zu werden und zwar so wie wir sind, ohne Masken oder Verstellungen. (...) Die Liebe ist das einzige Licht, das die geheime Signatur der Individualität und der Seele des Anderen lesen kann." (John O´Donohue)
Ein Freund. Mein Freund. Wir sind Freunde. Wir sitzen mit den Rücken an einen Baum gelehnt und tauschen unsere Gedanken. Wir wandern gemeinsam durch die Berge und freuen uns über unsere Kräfte. Wir trinken zusammen ein Bier. Wir sind Männer, die ihr Mannsein mögen und ihr - tiefer sitzendes - Frau-Sein-im-Mann ebenso. Männer haben mannigfaltige Gefühle. Männer sind manchmal stark. Manchmal schwach. Männer haben Träume und Traurigkeiten, Sehnsüchte, manchmal ein großes Verlangen.
Ich spreche hier nicht vom Schwulsein. Für mich wäre das nichts, und ehrlich gesagt bin ich auch froh, dass es nichts für mich wäre. Ich habe einen gewissen Respekt vor schwulen Männern, die sich mit ihren Vorlieben, die gesellschaftlich wohl immer noch wenig konform sind (oder?), nicht verstecken. Ich bin froh, dass ich das nicht am Hals habe. Und natürlich bin ich froh, dass ich die Schönheit der Frauen zu schätzen weiß und die Begegnung von Männlichkeit und Weiblichkeit. Aber weder über das eine noch über das andere wollte ich hier erzählen.
Sondern über die Liebe. Über die Liebe zwischen Männern, die Freunde sind. Über die Freundschaft. Über die Seelenfreundschaft, wie John O´Donohue - leider im Januar 2008 früh verstorben - es nennt. Mein "Anam Cara" - ich sehne mich manchmal nach ihm. Ohne ihn genau zuordnen zu können. Er ist nur: mein Freund. Der Inbegriff. Nach ihm, den ich verstehe, so wie er ist, der mich versteht, so wie ich bin. Nach dem Miteinander ohne Masken. Nach der gemeinsam erlebten Individualität, wie sie nur zwei Seelenfreunde einander ansehen, dem andern anfühlen können.
Manch ein Miteinander ging in die Brüche, manch ein Anam Cara war, wie in der Liebe zwischen Mann und Frau auch, am Ende ein Lebensabschnittsbegleiter. Man verändert sich, selbstverständlich! Alle sieben Jahre sind unsere Zellen komplett erneuert, hörte ich. Manchmal fühle ich mich auch in sieben Tagen wie ausgewechselt, oder in sieben Stunden, aber das ist eine andere Geeschichte. - Oder: Die Entfernung wurde größer. Oder die Nähe brachte mehr Eigenheiten an den Tag, die man nicht mehr ertragen konnte. Oder man fand einfach nicht mehr den Zugang zueinander, blieb irgendwo an der Oberfläche des anderen haften, oder an seiner eigenen. Stolperte auf dem schwierigen Pfad eines vermeintlichen Tiefgangs, der keiner mehr war. Masken brauchen Zeit, um sich in einer Atmosphäre aus Vertrauen und Selbstverständlichkeit allmählich aufzulösen. Aber Zeit? Wer hat denn noch Zeit für Freundschaft? Für Liebe? Für Seelengefährten?
Wir sind Freunde. Wir haben uns gern. Wir kommen miteinander klar. Wir stehen zueinander. Unsere Freundschaft hat sich bewährt. Während ich mir die Worte und Blicke meistens aus einer der Taschen pflücke, die ich in der Weste habe, wähle ich die Worte meinem Freund gegenüber tief aus dem Herzen. Wir sprechen und vertrauen und hören, was der andere sagt. Es geht nicht um eine Talkshow, wie in den meisten Gesprächen: schnell ein paar Gedanken loswerden, die einem zu diesem oder jenem Thema im Kopfe schwirren. Nein, es geht uns um ein Lauschen mit dem Herzen. Gemeinsame Stille lässt erst das Verstehen zu. Plaudern verdeckt es.
Irgendwann wurde der Wunsch, allein zu sein, wohl größer als die Sehnsucht nach Seelenfreundschaft. Allein sein, individuell sein, das hat seine Vorteile. Irgendwann gab es so viel zu tun. Die Kräfte verlagerten sich, die Zeit wurde dicker. Das Internet gab dem Zeitmanagement den Rest. Suggerierte Nähe, wo keine war. Oder Nähe, die darin bestand, dass jeder, der sich daran beteiligte, nur dachte, es sei Nähe. Auf diese Weise kam man sich nah, so fern man sich auch blieb. Fallstricke! Und doch: mag ich euch alle. Aber - wir saßen nie gemeinsam mit den Rücken an einen Baum gelehnt und tauschten Gedanken.
Irgendwann nahm sich die Liebe eine Frau und gebar ein erstes Kind. Zwar wird nichts anderes größer, je mehr man davon gibt, als die Liebe, so heißt es, aber dennoch blieb noch weniger Zeit, noch weniger Raum, vielleicht noch weniger Bedarf? Aber das ist immer noch nicht alles: Freunde sind rar geworden. Bekannte, ja, ein paar Kumpels noch aus den Zeiten der Schöpfung. Ein paar Leute, die man mag, halb beruflich, halb privat. Ab und zu eine Feier in mehr oder weniger geselliger Runde. Oder ein paar kurze, aber auch herzliche Gespräche auf dem Markt am Samstag zwischen zwei Stündchen. Aber alles verläuft sich recht schnell und lebt sein eigenes Leben. Viele von uns leben irgendwie zurückgezogen, oder?
Das kleine Miteinander zwischendurch reicht nicht aus, um die Masken abzulegen. Die feinen Masken, die keiner mehr wahrnimmt, am wenigsten die, die sie tragen. Die dünnen, unsichtbaren Masken, die den Blick in die Seele eines Freundes verschleiern. Man bräuchte Zeit. Füreinander. Wie für sich selbst. Zeit, um die Stunden gemeinsam zu teilen. Man bräuchte irgendeinen vergessenen Raum, in dem das Licht anders scheint als anderswo. In dem das Licht genau so schimmert, dass man die
geheime Signatur der Individualität und der Seele des Anderen gerade noch lesen kann.
Irgendein Raum, den wir verlassen haben, als wir hinter den Türen weitere Türen fanden, die uns hinter weitere Türen brachten.
(John O´Donohue gewidmet - und L., J., M. und all den andern...)