
loc. planet earth / auth. weyp / cq2.14 Es war nicht meine Absicht, meine Einträge in diesem Logbuch jemals fortzuführen. Ich muss zugeben, meine ersten Versuche erscheinen mir wie ein unsicheres Räuspern nach langem Schweigen. Buchstaben sind merkwürdige Zeichen. Noch erstaunlicher ist das Denken und die Fülle an Bedeutungen, die sich allesamt in Worte, Sätze, Sprachmelodien fassen lassen. Ich hatte es beinahe verlernt, meine Gedanken und Beobachtungen und meine Gefühle auf diese Weise zu spiegeln. Es tut gut. Es ist Balsam für die Seele. Ich habe beschlossen, weiter zu schreiben!
cq2.15 Meine Mission schien gescheitert. Und vielleicht ist sie es auch. Aber es haben sich im Lauf der, im Lauf der Monate – der Transduktor meines bioelektronischen timers spielt verrückt und ich habe vergessen, die Tage und Wochen zu zählen und muss ernsthaft überlegen, welche Jahreszeiten vergangen sind, seit ich hier im frühen 21. Jahrhundert angekommen bin (ja, damals hatten wir tatsächlich noch ein Jahreszeitenklima mit Sommer, Herbst, Winter, Frühling in diesen mitteleuropäischen Breiten!). Aber was ich sagen will: Es haben sich im Lauf der Monate neue, unerwartete Perspektiven ergeben. Nein, was heißt ergeben, das trifft die Sache nicht: Ich habe mein Schicksal, das mich zu einem Teil des Mikrokosmos an einem anderen Ende der Zeit degradierte, selbst gestaltet und entwickelt. Ich habe mir neue Wege geschaffen. Nicht nur zum Überleben. Und auch das war hart genug! Ich erinnere mich mit Grauen an die ersten Kälteeinbrüche. Aber ich habe auch den Winter geschafft. Angeblich soll der Klimawandel bereits um die Jahrtausendwende begonnen haben, glauben meine Kollegen im 26. Jahrhundert, aber die haben sich in diesem klirrend kalten Winter nicht wie ich den Arsch abgefroren! Da ich mich etwa im Jahr 2010 befinden dürfte, kann ich also nur protokollieren: Zu dieser Zeit waren die klimatischen Veränderungen noch lange nicht das, was wir heute kennen. Oder sollte ich besser sagen: was wir in Zukunft kennen werden. (Es fällt mir immer noch schwer, mich selbst zeitlich zuzuordnen.) Jedenfalls, der Wintereinbruch! Moos und Laub sind gute Dämmmaterialien. Dennoch, ich hätte ihn nicht überstanden, wären da nicht die Ameisen gewesen. Hätte es nicht diese – ich zögere, es niederzuschreiben, aber ich werde es empirisch und einigermaßen sachlich zusammenfassen – hätte ich nicht die Fähigkeit erlangt, mich mit dem Bewusstsein, mit dem Geist der Ameisen zu verknüpfen. Meine Götter! Das klingt befremdend, und das ist es ja sicher auch, es ist verrückt! Ich bin auch kein Entomologe, um diese Angelegenheit abschließend erklären zu können. Ich bin nur ein aufgrund eines extrem dummen Berechnungsfehlers der Elfenbeinturmphysiker zum Winzling gewordener Klimaforscher und Zeitreisender, und mein Name ist Weyprecht, und ich sitze hier völlig verwildert und völlig abgeschnitten unter Insekten in einem extrem riesenhaften, gottverlassenen Fichtenwald, und ich habe Erfahrungen gemacht, die mir niemand glauben würde, selbst wenn es einen geben würde, dem ich meine Erlebnisse jemals schildern könnte oder selbst wenn eines Tages irgendeine des Lesens kundige Intelligenz diese Worte entziffern sollte. - Ich schreibe morgen weiter, oder nächste Woche. Ich habe das alles offenbar immer noch nicht verkraftet.
cq2.16 Ameisen sind Organismen, die sich mittels Lichtpolarisation, Ultraschall und vor allem chemischer Kommunikation verständigen. Pheromone haben die alten Insektologen diese Duftstoffe genannt. Als ein Evolutionsökologe namens Laurent Keller vom Lausanner Institut für Mikroinformatik vor über fünfhundert Jahren einen südeuropäischen Ameisenstaat entdeckte, der sich immerhin – wie mir meine Kosmoblogopaedia verrät – schon über eine Länge von fast 6000 Kilometern erstreckte (Haha! sozusagen ein expandierender Kleinstaat aus der Sicht des 26. Jahrhunderts!), da hielt man diese Insekten alles in allem noch für tumbe Allesfresser, differenziert zwar in ihrer Arbeitsteilung und in ihrem Fortpflanzungsverhalten, aber das wars dann auch. Erst in der Mitte des dritten Jahrtausends haben wir entdeckt, dass den Aktivitäten dieser seltsamen Hymenoptera ein geistiges Potenzial zugrunde liegt, das es in sich hat! Es gab tatsächlich einmal eine Zeit, da hielten die Menschen sich für die Krone der Schöpfung. Wie unerhört anmaßend die Hominiden doch waren! Nachdem die Ameisen Besitz von unserem verwüsteten Planeten ergriffen hatten, da sah das Ganze anders aus. – Aber ich befinde mich hier noch am Anfang dieser evolutionsökologischen Entwicklung. Die Ameisen zeigen zwar bereits so etwas wie eine kollektive Intelligenz, aber sie scheinen noch nicht diesen geistigen Impuls erlangt zu haben, durch den sie sich – parallel zum Niedergang der sich selbst zerfleischenden Menschheit – zu den heimlichen, zu den unheimlichen Herrschern der Erde aufschwingen konnten. Das Erstaunliche aber ist, das, was mir wirklich Kopfzerbrechen bereitet, das ist – Mann, Mann, Mann!!! es ist eine hirnrissige Idee! Aber ich frage mich seit diesem scheißkalten Winter im Jahr 2010, als die Ameisen das erste Mal mit mir Kontakt aufnahmen, welche Rolle eigentlich ICH bei dieser ganzen Entwicklung spiele. Verdammt noch mal! Wäre ich doch besser daheim geblieben und hätte ab und zu ein paar mittelmäßige Science-Fiction-Geschichten in mein Kosmoblog gehauen, statt diese idiotische Zeitreise anzutreten!
cq2.17 Ich wollte heute weiter erzählen, wie ich erstmals die Frequenz der Ameisenkönigin wahrnahm, wie ich ihr Bewusstsein spüren konnte, in der Nacht, als ich vor Kälte und Nässe zitterte und mich mal wieder dem Tod geweiht sah. Und plötzlich dieser unerwartete Ruf in meinem Kopf. Wie eine Traumsequenz, ein Tagtraum vielleicht, ein penetranter Gedanke, der in meiner Stirn hämmerte. Und natürlich müsste sich ein Mensch, der solche wirklich seltsamen Stimmen aus dem Mikrokosmos hört, für vollends wahnsinnig halten, vollkommen paranoid. Aber mein implantierter personal analizer machte selbst diesen Ausweg unmöglich, indem er Bewusstseinsstörungen hundertprozentig ausschloss. Ich wollte heute über das stille Gespräch schreiben, dass sich in den folgenden Nächten zwischen der Ameisenkönigin und mir entwickelte. Die Potenziale der Telepathie muss ich ja wohl nicht lange erklären, seit Professor G. A. Romero the Third im Jahr 02158 seinen viel diskutierten Artikel "Telepathic communication across species" bei der American Association for the Advancement of Science veröffentlicht hat und damit einen Paradigmenwechsel in der Neurobiologie einleitete. Die hieraus hervorgegangene Telosianische Kosmoethologie hat ja sicherlich ihre großen Verdienste, aber: ausgerechnet Ameisen! Ich meine: wow! Wer hätte das gedacht!!! – Ja, ich wollte heute noch viel mehr darüber erzählen. Aber es ist ein sonniger Frühlingstag. Und ich muss mich um meine Blattläuse kümmern. Sie müssen jetzt wieder gemolken werden. Und für den Mittag habe ich einen Rundflug mit Amigo eingeplant. – Liebes Logbuch, aber ich werde weiterschreiben. Es hilft mir sehr dabei, alles zu verarbeiten. Völlig egal, dass es niemals einen Leser dafür geben wird. Mein Schreiben ist das beste Lesen, das ich mir wünschen könnte. Vielleicht werde ich es eines Tages sogar den Ameisen, vielleicht werden sie eines Tages, ich meine, wenn sie verstehen wollen – nein, aber ich will nicht zu weit vorgreifen, ich will keine falschen Hoffnungen nähren. Auch wenn ich mich manchmal doch sehr nach Austausch sehne, danach, meine unglaublichen Erlebnisse irgendjemandem zu erläutern. – Eines nach dem anderen! Heute kommen die Läuse dran. Haha! Ich habe mir einen Cowboyhut aus getrockneten Pflanzenhärchen von Brennnesseln geflochten... Yippiajeah!
10 Bodensignale:
Gefällt mir ausgesprochen gut, lieber mkh, wie sie die Idee mit der Telepathie umgesetzt und ganz nebenbei mit gut recherchierten Wissenhäppchen garniert haben (Laurent Keller). Sie setzen gekonnt ein paar hooks und halten so mich, wie vermutlich auch die anderen Leser bei der Stange (Wer ist Amigo? Wie ging es weiter mit der Kontaktaufnahme? Melkt er die Blattläuse bereits für die Ameisen?). Ich selbst fing auch an, zu grübeln, wie die Zeit für jemanden dieser Körpergröße vergehen mag. Mein Bauch sagt mir, dass sie langsamer vergehen müsste (Zeitdilatation). Auch dachte ich darüber nach, inwiefern Weyprecht allein durch seine Kontaktaufnahme bereits die spätere Machtübernahme der Ameisen ausgelöst haben kann, womit wir beim Paradoxon der Zeitreisen angelangt wären. Ich bin gespannt.
Im Übrigen will ich noch anmerken, dass die Erzählperspektive und -zeit dem Ganzen einen besonderen Pfiff geben. Weyprecht schreibt von Dingen, die er augenblicklich macht und zu machen gedenkt, ebenso wie er gleichzeitig die Vergangenheit aufarbeitet. Er ist also gleichzeitig allwissender Erzähler, die Vergangenheit belangend, und dem Leser dadurch voraus, und im gleichen Boot mit dem Leser, was den Fortgang der Zukunft anbelangt. Pfiffig.
Passen Sie auf den Bösen Schmetterling auf, Weyprecht. Zumindest Ihnen könnte er gefährlich werden.
Wie schrieben Sie neulich in Ihrem Blog: "Ihr Lob ist mein Lohn" oder änlich. Genau das schreibe ich jetzt Ihnen, werter Lichtträger. Und schön, dass Weyprecht wenigstens einen Leser gefunden hat, er sehnt sich insgeheim ja doch sehr nach geistigem Austausch.
Was "Amigo" angeht, den finden Sie bereits in Teil 1 der Geschichte(vgl. Link, Zeile 2). Es ist Weyprechts gezähmter Marienkäfer!
Was die Spekulation darüber angeht, wie schnell die Zeit vergeht, darüber habe ich in der Tat auch schon nachgedacht. Wenn wir Weyprechts Herzschlag als Maß für seinen eigenen Biorhythmus bzw. für sein Zeitgefühl nehmen und vermuten, dass ein so kleines Wesen einen schnelleren Herzschlag haben müsste (?!), dann sollten die Tage und Nächte ihm ja unendlich lange vorkommen. Es könnte sein, dass dieser Umstand noch Erwähnung findet.
Was die Frage angeht, ob er selbst "die spätere Machtübernahme der Ameisen ausgelöst haben kann" - dazu sage ich nichts, das muss Weyprecht selbst noch herausfinden. Aber er hat da bereits einige hirnrissige Befürchtungen...
Was die Herrin der Nacht, den Bösen Schmetterling angeht. In der Tat! Das könnte gefährlich werden. Erschrecken Sie aber nicht, falls ein Ihrer Figuren plötzlich in einer meiner Geschichten auftreten sollte. Alles ist möglich...
Man sollte häufiger Cowboyhüte tragen, aber weniger CDs von The Boss Hoss kaufen. Glaube ich. Und häufiger solche Texte lesen.
Man sollte öfters willkommene seltene Gäste willkommen heißen. Und mit ihnen die Cowboyhüte schwingen.
Huuii, wie geht's weiter, werter mkh? Oooh, ich kann mir vorstellen, dass die Ameisensoldaten grässliche Gegner für Ihren Weyprecht wären, da will ich doch hoffen, dass die Ameisenkönigin ihm gut gesonnen ist, aber es hört sich ja ganz danach an. ;)
Hoffentlich vertilgen sie dafür nicht Amigo, denn in der Regel schützen Ameisen ihre Blattläuse gegen blattlausvertilgende Marienkäfer! ;)
Da hast du allerdings eines der latenten Konfliktpotenziale beim Namen genannt, liebe Meise: Blattläuse, Ameisen und ein Marienkäfer - das könnte tragisch ausgehen...
Ich bin selbst schon ganz kribbelig, wie es wohl weitergeht ;-)!
Ohjeohje, ich jetzt auch!!!! :)
Oh, den Amigo hatte ich schon wieder völlig vergessen. Die lange Zeit zwischend en Veröffentlichungen ist ein Problem, das sich bei uns Hobby-Schriftstellern jedoch kaum vermeiden lässt. Aber wer hindert einen daran, die schönen Vorkapitel einfach nochmals zuvor zu lesen? Die Knappe der Zeit, klar; aber auch da wäre Weyprecht ja im Vorteil ;-)
Bin gespannt, ob tatsächlich jemand zu Weyprecht stoßen wird, der auch mir bereits zu Papier kam.
Im Übrigen ist ein weiteres Kapitel im LitMet, das auch an den langen Pausen krankt, online. Montag gibt's schon das nächste Kapitel. Habe ja jetzt Urlaub ;-)
Das ist schon eine Herausforderung an unsere Leser, solche unregelmäßigen Fortsetzungen mit der nötigen Aufmerksamkeit mitzulesen. Andererseits passen die "Häppchen" auch wieder ins Blogformat.
Bei LitMet werde ich bestimmt demnächst wieder einsteigen. Sorry, neben Weyprechts Zeitreise stehen hier ganz wichtige Arbeiten mit einigem Zeitdruck an...
Urlaub??? Genießen, freuen, Relaxmodus - jetzt!!!
Relaxmode switched on ... aber so was von ;-)
Trotz Urlaub gibt noch diese Woche ein neues Kapitel "Francesco Fontanello" und einen im LitMet. Schreiben gehört zum Relaxen dazu und außerdem ist es ja bezahlter Urlaub ;-)
Kommentar veröffentlichen